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Vorsicht: Wenn auf einmal alle Börsenprofis sind

Liebe Leserin, lieber Leser

Mich kennen Sie ja inzwischen – aber meinen Schwager noch nicht. Warum ich ihn erwähne? Nun, er ist einer meiner immer zahlreicher werdenden Bekannten mit verborgenem Börsentalent. In letzter Zeit erzählt er mir regelmässig von seinen tollen Investments. Er redet von Rivian, ARK Innovation Fund, nach Hunderassen benannten Kryptowährungen und disruptiven Unternehmen, als wäre er ein alter Hase im Geschäft.

Er kennt die nächsten Megatrends – das Metaverse soll ganz «heiss» sein – und weiss, welche Unternehmen vor dem Durchbruch stehen. Und natürlich hat er ein goldenes Händchen: Mit diesem Start-up hat er einen Gewinn von 35 % erzielt, mit jenem Biotech-Unternehmen einen Zuwachs von 50 %, usw. Sie können es sich vorstellen.

Komisch nur, dass er sich in all den Jahren, seit denen ich ihn kenne, überhaupt nicht für das Auf und Ab der Aktienmärkte interessiert hat. Meist wollte er mit mir über Autos und Fussball reden. Nun scheint er über Nacht ein Börsenprofi geworden zu sein. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich gönne ihm seine Gewinne. Jedoch hege ich den Verdacht, dass er mir gegenüber bloss seine Erfolgsgeschichten erwähnt und die Pleiten verschweigt.

Denn ein Blick auf mein Bloomberg-Terminal zeigt: Viele ehemalige Überflieger-Investments sind wie Sternschnuppen verglüht. Ein paar Beispiele gefällig? Die hochgejubelte «disruptive» Firma Peloton (sie verkauft luxuriöse Heimtrainer) hat vom Höchst drei Viertel ihres Werts eingebüsst. Die Pandemiegewinner TeamViewer (-73 %) und Zoom (-44 %) aus dem IT-Sektor haben den Anlegern heuer Verluste beschert und auch der Schweizer Börsenneuling «ON Running» notiert deutlich unter seinem Höchststand.

Nicht einmal die Profiteure der «grünen Revolution» haben Freude bereitet. Vestas Wind: -27 % seit Jahresbeginn, der Konkurrent Orsted: -33 %. Und der Kurs von Beyond Meat, dem Hersteller von pflanzenbasiertem Fleisch und Liebling der hippen Anlegergemeinde, hat sich seit Januar fast halbiert.

Fast 40 % aller Titel im Nasdaq 100, der viele Wachstumsunternehmen umfasst, notieren tiefer als zum Jahresanfang, beim breiten Stoxx Europe sind es rund 30 %. Die Börsen in China und in Brasilien liegen 2021 im Minus, der Nikkei in Japan ist flach. Nicht einmal Gold und Silber konnten zulegen.

Ich könnte die Liste beliebig verlängern. Aber ich glaube, es ist klar, worauf ich hinaus will: Mein Schwager muss schon einen ausgezeichneten Riecher gehabt haben, um all diese Klippen zu umschiffen. Wahrscheinlich ist seine Performance deutlich bescheidener, als er vorgibt. Es ist wenig plausibel, dass er mit einem diversifizierten Portfolio eine derart eindrückliche Performance erzielt hat.

Oder aber er hat die Traumrendite unter Inkaufnahme grosser Risiken erwirtschaftet. Wie ein Autofahrer, der aggressiv fährt und Verkehrsregeln missachtet, um schneller nach Hause zu kommen. Das kann glimpflich ausgehen, aber die Strategie ist verantwortungslos und garantiert auf lange Frist einen Unfall. Anlegen ist ein Marathon, kein Sprint. Und bestimmt ist es kein Autorennen.

In diesem Sinne: Navigieren Sie vorsichtig!

Ihr Mark Stock©

Mark Stock ist ein Mitglied der Point Capital-Redaktion. «Ich bin begeisterter Börsianer und befasse mich leidenschaftlich gerne mit Wirtschaftsgeschichte. Seit Jahren verfolge ich das Auf und Ab an den Märkten und investiere natürlich auch selber – bevorzugt in Aktien. Mein Name ist also Programm. Jeden Monat greife ich an dieser Stelle ein aus meiner Sicht spannendes Thema auf. Und da der Inhalt und nicht meine Person im Zentrum stehen soll, schreibe ich unter einem Pseudonym.»