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Verschwenden Sie keine Zeit mit Finanzprognosen!

Liebe Leserin, lieber Leser

Wir kennen uns noch nicht, weshalb ich mich kurz vorstellen möchte: Mein Name ist Mark Stock und ich bin Mitglied der Point Capital-Redaktion. Ich bin begeisterter Börsianer und befasse mich leidenschaftlich gerne mit Wirtschaftsgeschichte. Seit Jahren verfolge ich das Auf und Ab an den Märkten und investiere natürlich auch selber – bevorzugt in Aktien. Mein Name ist also Programm. Künftig werde ich jeden Monat an dieser Stelle ein aus meiner Sicht spannendes Thema aufgreifen und kommentieren. Und da der Inhalt und nicht meine Person im Zentrum stehen soll, schreibe ich unter einem Pseudonym. Ich wünsche anregende Lektüre!

Verschwenden Sie keine Zeit mit Finanzprognosen!

 

Wer kennt sie nicht, die bekannten Marktschreier und Ökonomen, die bis auf die zweite Nachkommastelle genau das Wirtschaftswachstum prognostizieren? Gerade kürzlich ist ein Bericht von Goldman Sachs auf meinem Tisch gelandet, in dem die Ökonomen ihre Wachstumsschätzung für China im nächsten Jahr von 5,6 auf 5,2 % angepasst haben. Echt jetzt? Wer weiss, wie es um die Datenqualität in China steht, kann über solche Prognosen bloss lachen.

Doch Bankberater, Kunden und andere Finanzaffine kleben an den Lippen dieser Auguren und möchten wissen, welches Land schneller wächst, welches langsamer und wo eine Rezession droht. Mit ernstem Blick erklären dann die Notenbanker, dass die Inflation nur vorübergehend hoch ist, dass sich das Wachstum beschleunigt oder dass die Arbeitslosigkeit Ende Jahr auf 2,1 % fallen wird. Notabene die gleichen Notenbanker, die die heftigste Immobilienkrise des Jahrhunderts nicht haben kommen sehen.

Noch schlimmer steht es um Börsenprognosen. So hat der damals wohl einflussreichste und blitzgescheite Ökonom, Irving Fisher, am 14. Oktober 1929, am Ende einer Dekade mit rasantem Wachstum, folgenden Satz gesagt: «Die Aktienkurse haben, so scheint es, ein permanent hohes Niveau erreicht». Es sollte bekanntlich anders kommen. In den darauffolgenden nur etwas mehr als vier Wochen brach der Dow Jones Industrial um über 40 % ein und erzielte bis im Sommer 1932 einen Verlust von fast 90 %. Von wegen permanent hohes Plateau.

Oder vielleicht erinnern Sie sich an das Buch «Dow 36’000», das 1999 publiziert wurde? Darin argumentieren die Autoren, der Dow sei unterbewertet und werde in den nächsten drei bis fünf Jahren von rund 10’500 auf 36’000 Punkte steigen. Nun, am 1. November 2021, hat er es endlich geschafft, diese Marke zu überwinden. Mit einer Verspätung von läppischen 17 Jahren!

Ich gebe zu, nicht alle Vorhersagen liegen derart spektakulär daneben – aber leider sind sie auch nicht zuverlässiger als ein Münzwurf. Wenn es sogar Profis wie smarten Ökonomen, Notenbankern und hochbezahlten Analysten mit den modernsten Modellen und den besten Daten nicht gelingt, verlässliche Prognosen zu machen, wie soll es dann Ihnen oder mir gelingen?

Zum anderen: Wie hätten Sie sich verhalten, wenn Sie im Februar 2020 gewusst hätten, dass die Börsen wegen Corona abstürzen werden? Hätten Sie dann alle Aktien verkauft? Ziemlich sicher. Aber hätten Sie auch den Mut gehabt, im selben Jahr wieder einzusteigen? Falls nicht, würden Sie sich heute ärgern, denn der Weltaktienindex notiert bereits wieder höher als vor Ausbruch der Pandemie.

Auch wenn Sie also hervorragende Prognosen machen, garantiert das noch lange keinen Börsenerfolg. Deshalb halte ich es mit dem legendären Investor Peter Lynch, der einst sagte:

Wenn Sie mehr als 13 Minuten pro Jahr mit der Analyse von Wirtschafts- und Marktprognosen verbringen, haben Sie zehn Minuten verschwendet.

Aber die gute Nachricht: Für erfolgreiches Investieren sind solche Übungen gar nicht nötig. Wer in solide Qualitätsunternehmen investiert, hat erstens mehr Freizeit und zweitens auf lange Sicht ziemlich sicher die bessere Performance. Denn das Entscheidende ist nicht «Timing the Market», sondern «Time in the Market».

In diesem Sinne: Alles Gute!

Ihr Mark Stock©